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ELEMENTARES ÜBERS FÜNFTE ELEMENT

Ein Blick in die Geschichte der Destillate  
Hans Gerold Kugler  

 

VOM GEIST DES BRENNENDEN WASSERS  

Wer hat eigentlich zum ersten Mal kennerisch den Duft eines edlen Destillats eingesogen, prüfend die Klarheit des Getränks bewertet, genußvoll die ersten Tropfen über die Zunge rollen lassen...? Nun - wir wissen es nicht! 

Soweit sich der derzeitige Forschungsstand überblicken läßt, beginnt die Geschichte des destillierten alkoholischen Getränks, des "brennenden Wassers" wie wir es kennen, im Italien des 12. Jahrhunderts. Natürlich kannten andere Kulturkreise schon lange vor dieser Schnittstelle verschiedene Arten der Destillation. Man übte die destillatio per descensum aus, die "Destillation durch Absteigen": das Destillat hat hier einen höheren Siedepunkt als Wasser oder andere Flüssigkeiten, welche bei Erhitzung in die Luft entweichen. Das Destillat, der "Auszug" (zB Teer, Lacke, Peche, pflanzliche Öle) tropft aus dem seitlich gelagerten Destillationsgefäß in einen tiefer gestellten Topf - daher bedeutet "destillieren" ursprünglich "tropfen, tröpfeln". 

Zum Ausbrennen von alkoholischen Destillaten mußte man sich der destillatio per ascensum, der "Destillation durch Aufsteigen" bedienen. Das dazu benötigte Brennzeug wurde in einem über tausend Jahre dauernden technologischen Prozess entwickelt.  

Man benötigte: 1) Eine "Gurke" oder einen "Kürbis" (cucurbita) zur Aufnahme des Brenngutes 2) Einen "Hut" (Rosenhut) zum Sammeln des Destillat-Dampfes 3) Eine "Nase" (alembik) zum Ableiten der kondensierten Flüssigkeit und 4) Ein Auffanggefäß (Rezeptakel) - diese Benennungen wechselten übrigens im Lauf der Destillationsund Destillatgeschichte häufig ihre Bedeutung: im Mittelalter wurden Kessel und Deckel zB als "capelle" bezeichnet und nur das Ableitungsrohr als "Alembik". Der Kenner wird sofort bemerkt haben, daß zwei wichtige Dinge nicht aufgezählt wurden: die Heiz- und die Kühlvorrichtung.  

Cucurbitae und Receptacula - meist mit in den "Kürbis" integrierten "Nasen" und "Hüten" - waren in verschiedener Form fast jeder Kultur bekannt (daher wohl auch die unzähligen Versuche, das Schnapsbrennen den Chinesen, Indern, Ägyptern, Kelten etc... zuzuschreiben).  

Während die uns bekannte spezifische Ausformung des Brennzeugs und die damit verbundene Heiztechnik spätantike Erfindungen sind, ist die Wasserkühlung eine neue, im Italien des 12. Jahrhunderts erstmals auftauchende Technologie.

Um das revolutionär Neue dieser Verbesserungen zu verstehen, muß man noch etwas "trockene" Geschichte in Kauf nehmen. 

 

VOM GEIST DER GESCHICHTE  

Das Dunkel der Anfänge... 

Erste Vorläufer eines trinkbaren Destillats könnte zufällig entstandenes Kondensat gewesen sein: Bei den ostasiatischen Reitervölkern wurde bis weit ins 18. Jahrhundert im Winter das aus Stutenmilch vergorene Kumyss erwärmt - der alkoholische Dampf kondensierte an den kalten Innenwänden der Jurten und wurde von dort abgeleckt. Über Geschmack und Stärke dieses "Steppenbrannts" darf wohl diskutiert werden. So oder so ähnlich aber könnte sich wohl die Entdeckung des "Geistes im brennenden Wasser" bei vielen alten Völkern abgespielt haben...  

Dampf und Teer - die klassische Antike 

 Neben der schon erwähnten destillatio per descensum, die industriell zB zur Teergewinnung eingesetzt wurde, waren griechische und römische Wissenschaftler vor allem am Phänomen der Verdampfung interessiert. Aristoteles beschreibt eingehend, wie sich Salzwasser durch Erhitzen und Kondensieren in Süßwasser verwandeln läßt und wie sich erhitzter Wein als Wasser niederschlägt. Auch die häufig erwähnten "brennenden Weine" der Antike (zB Falerner) hängen mit diesem Verdampfungsprozess zusammen: um ihre Süße zu verstärken, wurden Weine oft auf 1/3 ihres Volumens eingekocht. Der entweichende Alkohol entzündet sich dabei kurz mit bläulicher Flamme.  

Daß diese Art von "Weinbrennen" auch zum Standardrepertoire von Gauklern, Magiern und Betrügern gehörte, bestätigt noch 235 nChr der Kirchenvater Hippo-lytos. Mit dem Entweichen des Alkohols wurden beide Verdampfungsphänomene jedenfalls nicht in Zusammenhang gebracht. 

Ägyptische Alchemie - die Alexandriner  

Zwischen 100 und 900 nChr kommt es zu einer fruchtbaren Synthese griechischer Naturwissenschaften und altorientalischer Gelehrsamkeit. Man benennt diese Epoche nach dem berühmten Alexandria in Ägypten - aus dem Schriften der "Alexandriner" schöpften Araber und Europäer das Wissen der Alten, die "ägyptische Alchemie".  

In mühevoller experimenteller Kleinarbeit werden von diesen Alexandrinern die Vorläufer unseres Brennzeugs geschaffen, getestet und verbessert. Und von den Alexandrinern stammt auch jene Heizvorrichtung, die eine kontrollierte Destillation früher erst ermöglichte: das Wasser- und das Sandbad - nach einer um 200 nChr lebenden Alchemistin "balneum Mariae" (Marienbad) genannt. Noch immer fehlt es aber an der für die Darstellug eines reinen Destillats notwendigen Rohrkühlung! 

Warum ist diese Kühlvorrichtung zur Herstellung höherprozentigen Alkohols so unerläßlich? Wasser und Alkohol haben bekanntlich verschiedene Siedepunkte. Wenn man Alkohol aus dem zu Destillierenden "ausziehen" möchte, muß die Siedetemperatur des Alkohols (78,3°C) überschritten werden, nicht aber die Siedetemperatur des Wassers (100°C) - ansonsten würde beides zum Gemisch verschiedener Dämpfe werden und auch wieder gemeinsam kondensieren (man denke an den "Steppenbrant" aus der Jurte). Noch im Mittelalter wurde übrigens der Abstand der beiden Siedepunkte durch die Zugabe von Salz oder Weinstein zur Maische künstlich vergrößert. Die hier erwähnte kontrollierte Erwärmung war auf dem bloßen Ofen (fornax) praktisch unmöglich, erst mit dem balneum Mariae konnten Substanzen über längere Zeit hinweg gleichmäßig erhitzt werden. Zusätzlich muß aber das Ablaufrohr ständig gekühlt werden, da ja der Alkohol kondensieren soll und nicht das Wasser - was ebenfalls auf ein Gemisch führen würde. Erst im kontrollierten Zusammenspiel von Hitze und Kälte entsteht höherprozentiges, trinkbares "brennendes Wasser". 

Alle Düfte des Orients - der arabische Kulturkreis 

Das von den Alexandrinern entwickelte Brennzeug ohne Kühlung eignete sich jedoch hervorragend zur Destillation von Ölen mit einem höheren Siedepunkt als Wasser und wurde bald zur Herstellung DES Wohlgeruchs von Spätantike und Mittelalter verwendet: des Rosenwassers bzw des Rosenöls. 

Und wie Rosenöl werden in der arabischen Welt viele andere pflanzliche Wohlgerüche destilliert. Rosenwasser und Rosenöl (der "Geist des Wassers", wie es genannt wird) sind durch Jahrhunderte Symbole dieser Technologie und noch lange nach der Entdeckung der Alkoholdestillation spricht man von "aqua ardens ad modum aquae rosae fit" (nach Art des Rosenwassers hergestelltes brennendes Wasser). 

 

SALERNO - "GEIST" UND MEDIZIN  

Platearius - Technologietransfer  

In der berühmten medizinischen Schule von Salerno wird alles, was der arabische Kulturkreis in Bezug auf Destillation und Destillate aufgenommen und weiterentwickelt hat, begeistert übernommen.  

Um 1150 stellt Platearius von Salerno sein berühmtes Arzneimittellehrbuch "Circa instans" zuammen, das ua auch die Darstellung von Wacholder- und Getreideöl durch "Destillation nach unten, wie es die Sarazenen machen" beschreibt. Italien Mitte des 12. Jahrhunderts: Die Technologie ist in groben Zügen vorhanden - aber wird schon Alkohol gebrannt?

Mappae clavicula - die geheime Revolution 

Erstmals wird das "brennende Wasser" in den "mappae clavicula" erwähnt, im "Schlüsselchen zur Malerei". Ursprünglich im 8. Jahrhundert kompiliert, wird dieses alchemistisch-technische Schlüsselwerk im Laufe des Mittelalters mehrfach erweitert und umgeschrieben - und in einer Fassung des 12. Jahrhunderts ist das brennende Wasser erstmals eigenständig beschrieben. Oder besser gesagt: umschrieben! Die "mappae clavicula" sind nämlich ein Kryptogramm, ein in Geheimschrift verschlüsselter Text. Auch das Herstellungsrezept selbst ist ein Muster an "top secret": Reiner und sehr starker Wein soll zu einem Drittel mit Salz gemischt werden (Wasserbindung!); diese Mischung wird in "dazu geeigneten Gefäßen gekocht" (also im Brennzeug ausdestilliert) und es entsteht ein Wasser, das brennt, wenn man es anzündet (also wohl mehr als 35% Alkohol enthalten haben dürfte).  

Warum nun dieses Verstecken und Verbergen? Das "brennende Wasser" (noch ohne Kühlung hergestellt und wohl kaum trinkbar) ist eine im wahrsten Sinn des Wortes explosive Entdeckung - später wird sie auch im "liber ignium ad comburendos hostes" des Marcus Graecus, dem verbreitetsten waffentechno-logischen Handbuch des Mittelalters, so behandelt werden. 

Das aqua ardens sprengt das mittelalterliche Dogma über die Beschaffenheit der Dinge. Alles irdisch Seiende wurde als Zusammensetzung der vier Grundelemente Feuer Wasser, Luft und Erde begriffen. Diese Elemente sind unvereinbar, universal und unzerstörbar. Beim aqua ardens wird nun ein Element, "Wasser", durch ein anderes, "Feuer", völlig und ohne sichtbaren Rückstand zerstört. Dadurch wird das alte alchemistische Dogma ad absurdum geführt - ähnlich Atomspaltung oder Quantentheorie durchbricht das neue "fünfte Element" ein wissenschaftliches Weltbild. Und ähnlich den großen physikalischen Theorien unseres Jahrhunderts mußte es dem mittelalterlichen Menschen bedrohlich und unverständlich erscheinen. Die "quinta essentia" wird als "Ursubstanz des Seienden" interpretiert, als möglicher Weg zum "Stein der Weisen" und zum Zentrum von Kosmos, Existenz und Sein. 

Und so finden wir das "brennende Wasser" erstmals im 12. Jahrhundert: Verschlüsselt im ängstlichen Bemühen, keine Einzelheiten der Herstellung durchsickern zu lassen, niemandem bei dieser Herstellung behilflich zu sein - "Insiderwissen" einer kleinen Gruppe von Innovatoren.  

 In einer blühenden und expandierenden wissenschaftlichen Umgebung wie der medizinischen Schule von Salerno läßt sich eine solche Neuerung nicht lange verbergen - und noch im gleichen Jahrhundert finden wir den ersten namentlich bekannten Autor, der vom aqua ardens schreibt: Magister Salernus, der als Arzt zwischen 1130 und 1167 an der Akademie von Salerno wirkt. 

Ein Weltbild ändert sich - Magister Salernus 

Analog zur Elementenlehre der Naturwissenschaften war die medizinische Lehre vom menschlichen Körper durch die Säfte- und Komplexionentheorie bestimmt. Nach antiker Tradition wurde der Körper als System von vier Säften bestimmt: Blut, Schleim, rote Galle und schwarze Galle. Diesen entsprechen die vier Charaktertypen Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker sowie die vier Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde. Elementen sowie Körpersäften werden nun Komplexionen (Zustände) zugeschrieben: Blut/Luft = warm und feucht; Schleim/Wasser = feucht und kalt; Rote Galle/Feuer = troken und warm; Schwarze Galle/Erde = trocken und kalt. Im gesunden Menschen bilden diese Elemente, Säfte und Komplexionen ein Gleichgewicht, eine ausgewogene Mischung. Krankheiten wurden als öbergewicht oder Mangel eines Saftes "erklärt", wodurch sich die Komplexion ändern sollte und auch das Verhältnis der Elemente gestört sei.  

Man kann sich vorstellen, wie die Entdeckung eines fünften Elementes in diesem Schema wirkte: wenn das aqua ardens die Theorie der vier Elemente als quinta essentia transzendierte - wie sehr mußte es erst auf den menschlichen Körper in Gesundheit und Krankheit wirken? Zu dieser Interpretation als "Superwirkstoff" kam natürlich noch das Faktum, daß das brennende Wasser Fäulnis- und Verwesungs-vorgänge, die bis ins 17. Jahrhundert wie Zauberei erscheinen mußten (auch Krank-heiten wurden oft als "Fäulnis" betrachtet) aufzuhalten oder gar zu verhindern schien. Aus dem aqua ardens der Alchemisten wird das "aqua vitae" der Mediziner, das "Lebenswasser", das Medikament schlechthin.

Magister Salernus erwähnt um 1160 als erster Mediziner das brennende Wasser in seinem medizinischen Lehrbuch "Compendium Salerni". Dieses medizinische "brennende Wasser", mit dem eifrig experimentiert wurde, ist allerdings noch schwach - und es ist ohne Kühlung gebrannt.  

Die zwei Vorgänge, die vom schlichten aqua ardens zum hochprozentigen aqua vitae, vom brennenden zum gebrannten Wasser, führen (Kühlung und Rektifizierung = mehrmaliges Brennen), werden einige Jahrzehnte später von einem Mann erwähnt, in dessen Werk uns erstmals "brennendes/gebranntes Wasser" in seiner heute noch bekannten Form entgegentritt: Thaddaeus Florentinus (Taddeo Alderotti; 12231303).  

Das Lebenswasser - Thaddaeus Florentinus 

Thaddaeus Florentinus ist Arzt in Bologna, und als er um 1280 seinen Traktat "de virtutibus aque vite et eius operationibus" (Von den Eigenschaften des Lebenswassers und seiner Verwendung) schreibt, verbreitet sich die moderne salernitanische Brenntechnologie schon nach Frankreich und Deutschland - kurz nach 1300 treten überall in Europa Namen auf, die auf das neue Gewerbe des Branntweiners schließen lassen: Der ältere Familiemname Rosenwater (1257,1264,...) wird durch Bernewater, Bernewin, usw ersetzt (1317,1319,...).  

Thaddaeus Florentinus beschreitet erstmals den Weg zum reinen Alkohol: Durch mehrmalige Rektifizierung (üblicherweise 3-4mal; gelegentlich bis zu 15mal!) kann um 1300 schon Alkohol mit 90% hergestellt werden. Und er beschreibt erstmals jene Kühlung, die aus einem niedrigprozentigen untrinkbaren Alkohol/Wasser - Gemisch das "Lebenswasser" macht: das canale serpentinum (Schlangenrohr, Destillierspirale) und die ständig durch fliessendes Wasser kalt gehaltene Kühlwanne.  

 Aqua vitae wird nicht nur simplex (= einfach, ohne Zusätze) gebrannt sondern auch als aqua vitae composita (= zusammengesetzt). Das starke Destillat zieht nämlich die heilkräftigen Substanzen aus Kräutern und Pflanzen, die man entweder ins Lebenswasser einlegt oder schon dem Brenngut zusetzt. 

Und dieses "aqua vitae composita" wird zur "Königin, Mutter, Herrin aller Heilmittel": es wirkt gegen alle nur denkbaren inneren und äußeren öbel, es vernichtet alles Gift, es schützt vor Fäulnis und Verwesung, hilft gegen innere und äußere Kälte, stärkt die natürliche Wärme des Körpers, bewahrt die Jugendlichkeit und verlängert das Leben. Und - es ist ein Aphrodisiakum und ein Schönheitsmittel.  

So ist es zumindest im Traktat "de vinis", welcher Arnaldus de Villanova zugeschrieben wird, behauptet. In deutscher Übersetzung (Weinbuch des Johann Rasch; 1582) sieht das so aus: " Ain wolgeschmackh wein / zuo ziere der frawen / der da weyss / subtil / und wolgefarbe macht / wirdt also gemacht: Man soll von yngber unnd zymmetrinden inn wein thuon / und solchs denn als rosenwasser aussbrennen. Es ist auch guot wider alle kalte complexion und sucht... Ain wein / dem man / wenn man will / ainen yeden geschmackh geben mag / welcherlay man gern hat / unnd ist ain höfliche sach und am maisten begierlich den Hertzen / die sich erzeygen wöllen..." Wegen dieser großen Kraft ist das aqua vitae aber vorsichtig anzuwenden, unvermischt überhaupt nur in kleinen Mengen... 

Von allen Ärzten, die im Mittelalter über das gebrannte Wasser schreiben, hat Thaddaeus Florentinus/Taddeo Alderotti den größten Einfluß auf das Brennen der Destillate gehabt. Bis zu den großen Lehrbüchern des endenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts ist er in ganz Europa DIE maßgebliche Autorität im Brennwesen.  

Die Tradition der salernitanischen Schule und die Geheimnisse der Alchemisten führen zu neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen; die Apotheker der mittelaltertlichen Städte, die Heilkundigen der Klöster und die wachsende Erfahrung der Ärzte machen das aqua ardens vel vitae zum Heilmittel par excellence. 

DER "GEIST" DES SPÄTEN MITTELALTERS - DAS "KONSUMBRENNEN"  

"Geistige" Genüsse und bürgerliches Brennen  

In vielen mittelalterlichen Städten besitzen seit dem 14. Jahrhundert Ärzte und Apotheker Monopole auf die Herstellung des gebrannten Wassers - daneben gibt es aber auch schon bald die Zünfte der Weinbrenner ("pranntweiner"). Und diese "Weinbrenner, Wasserbrenner, Brandweiner" stellen nun nicht ein Medikament oder einen Heiltrank her, sondern ein Genußmittel. Eine Medizin, die die Lebensqualität derart steigerte (man erinnere sich an die "starke" Wirkung auf schöne Frauen und liebende Paare...), blieb wohl nicht lange allein den Kranken vorbehalten. Das wird durch Verordnungen der weltlichen und geistlichen Obrigkeit seit 1330 bewiesen. Immer wieder tauchen in diesen Schriften Warnungen vor unmäßigem Gebrauch des "aqua vitae" auf. Diese Warnungen werden allerdings relativiert durch die Tatsache, daß die empfohlene medizinische Dosis des Mittelalters "eine Haselnußschale voll pro Tag" war.  

Bevor wir uns den Beginn der städtisch-bürgerlichen Brenntradition näher ansehen: Was wurde eigentlich gebrannt? Bis jetzt war ja nur vom Wein die Rede.  

Neben den eigentlichen Brenngut Wein gab es noch - wie schon erwähnt - in Wasser eingelegte Kräuter (zB Wacholder), deren Öle durch Destillation gewonnen wurden. Und schließlich wurden dem Brenngut zugesetzte Heilkräuter und -pflanzen mitdestilliert bzw im Destillat "ausgezogen". Kennzeichnend ist aber, daß Ärzte, Apotheker, Alchemisten (in Nachfolge der Alderottitradition) vorerst hauptsächlich Wein bevorzugt schwere Rotweine - brennen.Die "Genußmittel- und Konsumproduktion" geht von einer anderen Basis aus:  

"Es ist jedoch keineswegs sicher, daß dieser frühe Brannt zu Gebrauchszwecken immer aus der vitis vinifera stammt; es ist sogar unwahrscheinlich. Wer Wein brannte, konnte auch Obst brennen, und da das Produkt alle Eigenschaften des spiritus vini hatte, wird es auch unterschiedslos unter aqua vitae Obstwein gesagt wird."(Arntz 89/126) 

Aus dieser Tradition des Obst- und Fruchtbrennens stammt ein Großteil der modernen Edelbrände.  

Um es kurz vorwegzunehmen: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kommt es durch die Erfindung des Kornmaischens und die Einführung des billigen Kornbrandes zu einer Verbrauchssenkung bei Wein-, Obst- und Fruchtbränden. In den reichen Obstgegenden Südwestdeutschlands und Österreichs wird die Tradition des Obst- und Fruchtbrennens jedoch weitergeführt und das Produkt geschmacklich verbessert - dort ist wohl seit dem Mittelalter mehr Obst als Wein gebrannt worden, das Erzeugnis hieß ohnedies unabhängig vom Brenngut "Branntwein".  

Bei dieser Destillation zu Konsum- und wohl auch zu Industriezweken verbrannte man neben Obst auch und vor allem Rückstände aus der Getränke-herstellung: Weintreber, -trester; Weinhefe; Bierhefe; sauer gewordene Biere; seigernde Weine; etc... Die aus Drusen (= Hefe oder Trester) gebrannten Schnäpse wie Marc oder Grappa, Bierbrannt etc... zeigen, daß diese brennenden Wässer vom Geschmack her nicht unterschätzt werden dürfen.

Potz Pest und Pranntewein... 

Der Stand der Weinbrenner verdankt seinen Aufstieg aus bescheidenen Anfängen paradoxerweise einer der größten Katastrophen des Mittelalters: der großen Pest von 1348/49, dem "Schwarzen Tod".  

In hunderten von hastig hergestellten "Pesttraktaten" wurden die Symptome der Seuche beschrieben, Behandlungsmethoden verbreitet und Vorbeugungsmaßnahmen aufgezeigt. Als Zentrum der Behandlung: Aqua vitae, das Lebenswasser.  

Und wer weiß, wie vielen die keimtötende Wirkung des brennenden Wassers tatsächlich das Leben gerettet hat? Ärzte träufelten Alkohol auf Taschentücher und Gesichtsmasken, um sich vor Anstekung zu schützen, man badete buchstäblich in Branntwein, verwendete ihn innerlich zur Stärkung des Organismus...

Gerade dieser momentane große Bedarf führte zu weiteren technologischen Neuerungen in den nächsten 150 Jahren, die sich besonders am verbesserten Brennzeug zeigen.

Diese Fortschritte finden sich - im Gegensatz zu den oft lapidaren frühen Traktaten - in drei Büchern, die in gewisser Weise sowohl Höhepunkt mittelalterlicher als auch Beginn neuzeitlicher Brenntradition sind: Hieronymus Brunschwygks "liber de arte distillandi de simplicibus oder Buch der rechten Kunst zu Distillieren die eintzigen Dinge" (1500) und sein "Liber de arte distillandi de compositis / das Buch der wahren Kunst zu distillieren die Composita und Simplicia..."(1512) sowie Michael Puff van Schricks "Nützliche Materi von manigerley ausgepranten wasser wie man die nüczen und pruchen sol zu gesuntheyt der menschen..." (1478).

Praktisch drückt sich dieser Aufschwung der Brennerei in den verwendeten Geräten aus: Wenn das Brennzeug des Prager Arztes Dr. Johann Wenod (um 1420) stark an die traditionelle Hausbrennerei der Alpenländer erinnert (Abb.), zeigt sich bei Abb. (um 1500) eine zunehmende Rationalisierung; in Abb. schließlich (1554) sind wir auf dem besten Weg zur Massenproduktion.

 

VOM "GEIST" DER VERNUNFT - ANFÄNGE INDUSTRIELLER ERZEUGUNG

Anfang des 16. Jahrhunderts: Columbus-Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen, Zeitalter der Reformation, Zeitalter der beginnenden Massenproduktion. Es kommt zur großen Umwälzung, die sich noch heute im Unterschied zwischen Edelbränden und Industriesprit zeigt.

Bis jetzt wurden nur bereits alkoholhältige Substanzen zu aqua vitae veredelt: Wein, Most, Bier und die Überreste ihrer Herstellung (Drusen, Schlempe, etc...). Um 1500 entdeckt man, daß sich Korn ohne Verbrauen maischen und als Brenngut verwenden läßt. Dies hängt eng mit erweiterten Kenntnissen der Rolle von Reinzuchthefen im Brauwesen und der Züchtung dieser Hefen zusammen.

Der so erzeugbare billige Kornbrannt - der auch industriell, etwa zur Schwarzpulverherstellung, gebraucht wurde - führt 1) zu einer Abschaffung vieler Apothekermonopole; 2) zu einer Aufwertung des Weins in der "Konsumbrennerei" und 3) zu ersten systematischen Steuereinhebungen auf Branntwein, den sogenannten "Blasensteuern" (Steuer pro Kessel Brenngut).

G.R. Wasson hat 1984 die Theorie aufgestellt, daß diese technologische Innovation aus dem Kloster stammt: Im Gefolge der Reformation und der damit verbundenen Klosterschließungen seien hunderte von Mönchen bettelarm buchstäblich auf der Strasse gestanden. Welcher Broterwerb lag für die in Klosterapotheken, -brauereien und -brennereien Geschulten näher als der des "Branntweiners"? Ihr überlegenes Wissen hätten sie natürlich im neuen Beruf verwendet und wären so zur ernsthaften Konkurrenz für die "Konsumbrenner" geworden.

Fest steht: Durch die Verwendung der billigen Kornmaische kann "brennendes Wasser" im industriellen Maßstab hergestellt werden. Dies interessiert natürlich auch die ewig geldhungrigen Stadt- und Landesväter: die "Blasensteuern" werden eingeführt, Konsum- und Industriebrenner besteuert, das Apothekermonopol abgeschafft.

 " Die Getreidedestillation war an keinen Standort gebunden; der Rohstoff stand in jedem landwirtschaftlichen Betrieb zur Verfügung, und er war so billig, daß die Kostensenkung Brannt zum billigsten Getränk überhaupt werden ließ. Gehemmt wurde das Kornbrennen eigentlich nur durch die Kirche, der es als sündhaft galt, statt des täglichen Brots Schnaps zu produzieren." (Arntz 89/127) 

Die Tradition des billigen Kornbranntweins aus Massenproduktion setzt sich über die Erfindung der Rüben- und Kartoffelmaischung im 18./19. Jahrhundert fort bis zum gefilterten Schnaps und Industriesprit unserer Tage.

Aber die mittelalterliche Tradition der Wein-, Obst- und Kräuterbrände, kurz: der edlen Destillate, stirbt natürlich nicht aus. Aqua ardens bleibt noch immer das seltene, sorgfältig gebrannte aqua vitae, die Medizin, das Genußmittel. In den Weinländern entwickelt sich diese Tradition (größtenteils über das Haus- bzw Gutsbrennen) weiter zum heutigen Cognac/Weinbrannt; in den ausgesprochenen Edelobstländern Süddeutschland und Österreich werden daraus die heutigen Edelobst- und -fruchtbrände.  

 "GEIST" UND GESCHICHTE - EIN RESUMEE

Wer hat also nun eigentlich wirklich zum ersten Mal kennerisch den Duft eines edlen Destillats eingesogen, prüfend die Klarheit des Getränks bewertet,...? Nun - wir wissen es noch immer nicht!  

Was aber dem Leser vielleicht gezeigt werden konnte: Es war ein weiter Weg vom ersten zufällig entstandenen Destillat zum aqua ardens, vom aqua ardens zum aqua vitae, vom aqua vitae zum Edelbrannt unserer Tage. Reiterkrieger, Teerbrenner, Philosophen, Ärzte, Apotheker, Alchemisten, Ölsieder, Parfümeure, Mönche, Naturwissenschaftler, Steuereinnehmer,... sie alle haben ihren Platz in der Geschichte des "brennenden Wassers".  

Und in jedem kennerisch genossenen edlen Destillat schlummert so - neben den bekannten "Geistern" - auch ein klein wenig vom Geist der Geschichte.... 

 

HOCHPROZENTIGE LITERATUR - EINE AUSWAHL (Stand 1994)  
ANDREAE, Illa (1973): Alle Schnäpse dieser Welt. Das internationale Buch der flüssigen Genüsse.
ARNTZ, Helmut (1978): Weinbrand. Wasser des Lebens.
ARNTZ, Helmut (1985): Das Brennzeug. Destilliergerät und Fachsprache in frühneuhochdt. Zeit. Schriften zur Weingeschichte 75.
ARNTZ, Helmut (1989): Die Destillation von Bier und Bierhefe und die Ursprünge des Kornbranntweins. In: Jahrbuch d. Ges. f. d. Geschichte u. Bibliogr. d. Brauwesens1989. S.123-197
FORBES, R.J. (1948): Short History of the Art of Distillation.
HANDLEXIKON der Getränke (1986): Hgg. S.Siegel u.a. Bd.1: Bar. Mixgetränke. Spirituosen.
KAISER, Rudolf (1925): Dt. u. lat. Texte des 14. u. 15. Jahrhunderts über die Heilwirkungen des Weingeistes. Leipzig (Diss.med.)
KEIL, Gundolf (1960): Der deutsche Branntweintraktat des Mittelalters. In: Centaurus 7 S.53-100
KLEVER, Ulrich (1979): Unser völlig blauer Planet. Kultur- und Sittengeschichte des Alkohols.
LIPPMANN,O.v./SUDHOFF,K.(1914): Thaddaeus Florentinus (Taddeo Alderotti) über den Weingeist. In: Archiv f. Geschichte d. Medizin 7 S.379-389
MAURIZIO, A[dam] (1933): Geschichte der gegorenen Getränke.
RAU, Erich J.(1914): Ärztliche Gutachten und Polizeivorschriften über den Branntwein im Mittelalter. Leipzig (Diss.med.)
SUDHOFF, Karl (1915): Weiteres zur Geschichte der Destillationstechnik. In: Archiv f. Geschichte d. naturwiss. Technik 5 S.282 - 288
WASSON, Gordon R.(1984): Distilled Alcohol Dissemination. In: Drinking and Drug Practices Surveyor 19 S.6

Nicht zu vergessen eine Anzahl neuer und neuester Werke, die sich nicht mit "trockener" Geschichte befassen, sondern im Gefolge der erfreulichen Renaissance edler Destillate erschienen sind.

(Einführung unverändert aus "Destillata Guide 1994"; hgg v. Wolfram Ortner; p. 10-21)

© Mag. Hans Gerold Kugler
Göriach 78
A-9812 Pusarnitz
kugler@aku2.at